Selbsterleben Fortsetzung

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Cornelia
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Re: Selbsterleben Fortsetzung

Beitrag von Cornelia » 07.09.2018, 11:14

Noch mal zur Rechnung:
In der Rechnung ist als 1.Position eine: "Geschlechtsumwandelnde Operation" aufgeführt..
Die Dame hat wohl wirklich keine Ahnung!!!
Hier tut Aufklärung von "gaaaanz oben" dringend Not!!
Aber es zeigt auch, wie weit das alte Denken noch in der Bevölkerung verankert zu sein scheint.
Vielleicht sollte frau Doc Heß bei der Fachmesse im Oktober mal darauf ansprechen.

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Katarina
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Re: Selbsterleben Fortsetzung

Beitrag von Katarina » 07.09.2018, 15:40

Hallo Conny

Das geht natürlich gar nicht mit der Anrede und der Bezeichnung der OP. Das sollte eine Klinik, die solche OPs anbietet, schon im Griff haben. Ich kann es gut nachvollziehen, wie es sich anfühlt, so ein Schreiben zu erhalten. Tut mir Leid für dich.

Aber auf die Gefahr hin, einen kleinen Shit-Storm los zu lösen………darf ich sagen, ich finde den Begriff Geschlechtsumwandlung gar nicht so unpassend? Am Anfang lehnte ich diesen Begriff wie die meisten Trans*Menschen kategorisch ab. Ich habe mich in den letzten Wochen aber viel mit dem Thema OP beschäftigt. Und ich sehe eine solche OP für mich als Umwandlung der äusseren männlichen Geschlechtsmerkmale in innen liegende weibliche Geschlechtsorgane an. Es wandelt sich oder es wird gewandelt. So erkläre ich es mir und daher habe ich keine Probleme mehr mit dem Begriff. Aber in der Öffentlichkeit sollte man als Trans*Mensch, und das tue ich auch, Aufklärung leisten. Nach aussen hin sage ich, dass dieser Begriff nicht richtig ist, sondern es um eine Geschlechtsangleichende OP handelt, also die körperlichen Geschlechtsmerkmale der Geschlechtsidentität angepasst werden.

Viele Grüsse
Katarina

Anna Bianca
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Re: Selbsterleben Fortsetzung

Beitrag von Anna Bianca » 07.09.2018, 20:55

Hallo Katarina,

wenn Du nach einer geschlechtlichen Transformation gefragt wirst, was ich hiermit stellvertretend mache, wie würdest Du antworten?
Das war die Fragestellung von ein paar Kindern aus der Nachbarschaft, Alter um 12 Jahre.

@Conny: In der letzten Zeit wird mir immer wieder unterstellt ich wäre zickig geworden. Obwohl ich in meiner falschen Identität oft eine eigene Meinung hatte und diese auch gerne diskutierte wird mir jetzt Zicken unterstellt. Habe ich dann nicht schon immer rumgezickt und somit meine Weiblichkeit unbewusst ausgelebt ? Langsam kommen Fragen auf die ich mir nie gestellt habe. Ich denke da liegen noch einige Abenteuer vor uns.

LG, Anna
Wenn die Welt lachend zugrunde geht, warum sollen ausgerechnet wir dann traurig sein ??

Cornelia
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Re: Selbsterleben Fortsetzung

Beitrag von Cornelia » 09.09.2018, 07:20

Jepp jede Menge Abenteuer und es stellen sich mir plötzlich alte Fragen, die ich glaubte beantwortet zu haben, in einem neuen Licht.
Eigentlich konnte ich mir nie vorstellen eine Sprechtherapie zu machen, weil ich dachte, dass es in meinem Job mit jeder Menge spontanen Sprachäußerungen schwierig sein könnte.
Jetzt habe ich mir doch nochmal die HP von einer Logopädin angesehen, die sich u.a. auf T*-Menschen spezialisiert hat. Bei ihr geht es nicht nur um irgendwelche Tonhöhen, platt ausgedrückt, sondern auch um die Sprechweise (Grammatik...) in Verbindung mit Körpersprache usw. Den Ansatz finde ich wiederum ganz spannend, obwohl ich glaube, dass ich von meiner Körpersprache wenig "Mann" an mir habe - die kam irgendwie von selbst, "ich körperspreche, wie ich mich fühle", sozusagen.
Ok, bis auf ein wenig Zeitaufwand (Kölle und zurück) kostet mich ein Beratungsgespräch eigentlich nichts. Entweder komme ich mit der Erkenntnis zurück, dass es mir nix bringt oder ich stelle die Anträge bei KK/Beihilfe. Und da ich ja ein kluges und vorausschauendes Weib bin, habe ich mir von meiner Psych vor ihrem Mutterschutz entsprechend Bescheinigungen über die Notwendigkeit ausstellen lassen. [laughing/breitgrins.gif]
Irgendwie wird die Liste immer länger, von dem was ich jetzt endlich alles noch machen, verändern und verbessern möchte. Die Op hat da regelrechte Schleusentore in mir geöffnet - irre!!
Gestern waren wir bei Freunden zu einem Grillabend. Ich finde es immernoch faszinierend, wie klar, total eindeutig und selbstverständlich sie mich als ihre (beste) Freundin betrachten. Das tut gut und gibt Kraft. Ich lerne mit Komplimenten besser umzugehen. Früher war es mir fast peinlich, weil ich nicht auffallen wollte, dementsprechend unfarbig war mein Passing. Heute bin ich farbiger geworden (gestern hellrote Lederhose..) und femininer - ich liebe Kleider in so ziemlich allen Varriationen - und finde es sogar schön, wenn es bemerkt wird. Blicke waren mir früher unangenehm - heute stärken sie sogar mein Selbstbewusstsein und damit meine Ausstrahlung (wusste gar nicht, dass ich sowas überhaupt besitze).

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Re: Selbsterleben Fortsetzung

Beitrag von Cornelia » 14.09.2018, 12:59

Sooooooooooooooooo.... [laughing/breitgrins.gif]
Habe heute wieder etwas für mein Frauen-Selbst-Gefühl gemacht und war bei meiner Frisörin.
Fühle mich mit der Frisur super gut und wohl!!
Zudem ist meine Haarstruktur total gesund und neue Haare sprießen, wie sie wollen. Genetik, Östros und Gott sei Dank! [laughing/breitgrins.gif]
Hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ja es stimmt..ich kann mich tatsächlich mittlerweile gut leiden. Jahrzehnte habe ich dieses Gefühl vermisst. Die Op hat enorm dazu beigetragen und es wird noch besser, wenn die 2.Sitzung in 4,5 Wochen gelaufen ist.
Mein Testo liegt jetzt bei 0,08 ng/ml (Laborspanne 0,03 - 1,42 ng/ml). Einen so niedrigen Wert hatte ich zuletzt unter dem Einfluss von Androcur und jetzt komplett ohne. Mal sehen, ob sich noch etwas tut. Habe den Hormonstatus ziemlich genau 9 Wochen nach der Op machen lassen. Aber ich bin schon ziemlich zufrieden, vor allem, weil es jetzt sozusagen mein "natürlicher Wert" darstellt. Die Östros (E2) raffe ich nicht so ganz - werde die Werte meiner Gyno mailen und dann kann sie sich äußern. Zum Glück ist mein TSH-Wert (Schilddrüse) ebenfalls völlig im Rahmen, so dass ich davon ausgehen kann, dass ich hormonell gut drauf bin. Mein Gewicht hat sich ebenfalls normalisiert und stabilisiert.
Ich fühle mich so gelassen und ausgeglichen, wie lange nicht mehr (wenn überhaupt jemals..) und hoffe, dass dieses Gefühl zu einer Grundeinstellung in meinem Leben wird. Letztlich spricht nichts dagegen...
Ich habe keine Lust mehr auf Stress, Probleme, Ängste usw., die hatte ich über Jahrzehnte, es wird Zeit die angenehme Lebenshälfte (und ich werde ja bekanntlich 104) zu leben. Aber die persönliche Zufriedenheit klopft eben nicht unten an die Tür, sondern ich muss sie selber wollen und kann dafür etwas tun. Es mag schon fast wieder klischeehaft klingen, aber die kleinen Dinge sind ganz groß, das Leben im Hier und Jetzt. Wenn ich an meinen abstrakten Bildern male und völlig die Zeit vergesse, in der Natur oder Garten bin..das Glas Wein (selten genug) genieße, ein gutes Gespräch führe..darauf kommt es an... Mir keine Gedanken mehr über Dinge oder Menschen mache, die ich ohnehin nicht ändern kann. Nicht zurück, sondern nur noch nach vorne schaue. Vergangenheit lässt sich nicht ändern, Zukunft jedoch von der Gegenwart an gestalten...

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Re: Selbsterleben Fortsetzung

Beitrag von Cornelia » 14.09.2018, 18:53

Tippfehler: Testo beim Labor 0,03 - 0,42 muss es heißen...
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Re: Selbsterleben Fortsetzung

Beitrag von Cornelia » 16.09.2018, 13:23

Morgen gehe ich das erstmal nach meiner Op samt dieser ganzen inneren und äußeren Veränderungen wieder zur Schule. Interessanterweise hat meine SL noch gar nicht mit mir gerechnet, so dass sie für mich noch keinen Stundenplan geschrieben hat. Ok, nicht schlimm..
Für mich ist es, wie ein "zweites Outing", so fühlt es sich zu mindest für mich an. Ich kann es gar nicht so richtig beschreiben. Meine Fraulichkeit bzw. frauliche Selbstwahrnehmung und wohl auch meine Körpersprache ist anders geworden, hat sich irgendwie weiter entwickelt, wobei diese Aussage von anderen Leuten u.a. meiner Partnerin kommt.
Ich werde auf jeden Fall morgens mehr Zeit zum Stylen einplanen müssen. Wenn ich den Stundenplan habe, kann ich bis zur Op in vier Wochen, noch Beratungsgespräche mit der Epiliererin und der Logopädin vereinbaren. Dann werde ich ggf. die Anträge zur Kostenübernahme stellen.
Hoffentlich komme ich ab morgen mit dem ganzen Schulrummel klar und hoffentlich erhalte ich mir meine "neue Linie.
Zumindest habe ich mit der abstrakten Malerei ein wunderschönes neues Hobby gefunden, indem ich sehr aufgehe. Mache eine Art Selbststudium mit über 65 Lektionen.

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Re: Selbsterleben Fortsetzung

Beitrag von Cornelia » 19.09.2018, 16:54

Völlig unspektakulärer Wiedereinstieg ins Alltagsleben..
Einige Kinder, Eltern und Kollegen haben sich richtig gefreut, dass ich wieder da bin. Eine Schülerin meinte, ich hätte mich sehr verändert. Sehr angenehm finde ich es, dass die Kleinen jetzt Drücken kommen können, ohne dass es sich für mich auf Beckenhöhe "komisch" anfühlt. Die Mädchen suchen ohnehin viel stärker den Kontakt als die Jungs, was ich wiederrum als Kompliment empfinde. In den letzten Tagen bin ich nur in Sommerkleidern rumgelaufen, mein noch unfertiger "Unterbau" findet diese Freiheit ziemlich angenehm. Nun ja, dass ist dann wohl ab Freitag wettertechnisch leider vorbei, Mal sehen..Für's aufhübschen brauche ich morgens jetzt doch etwas länger. Betone im Gegensatz zu vor der Op makeupmäßig die Augen etwas mehr und föne länger, wobei ich am WoE. da noch etwas üben werde.
Ansonsten ist die Waaaahmsinns Veränderung nicht eingetreten. Das Leben wird schlicht und ergreifend zur Normalität, wobei dies wiederrum ja auch das eigentliche Ziel der ganzen Transitionsaktion ist. In 4 Wochen ist dann auch die 2.Sitzung Vergangenheit. Leider ist mein schulischer Terminkalender in den nächsten Wochen so voll, dass ich wohl nicht dazu kommen werde, die geplanten Beratungstermine zu machen. Ich merke, dass meine psychische Kondition noch nicht auf der Höhe ist und mir ein Unterrichtstag zurzeit völlig ausreicht. Wenn ich die Op Mitte Oktober hinter mir habe und die Geschichte abgeheilt ist, habe ich hoffentlich etwas mehr Zeit. Leider sind die Beratungstermine mit reichlich Fahrerei verbunden, so dass allein schon dafür viel Zeit draufgeht.

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Re: Selbsterleben Fortsetzung

Beitrag von Cornelia » 22.09.2018, 15:31

Ich erlebe dieses Gefühl übersehen zu werden auch.
Irgendwann habe ich, glaube in einem Roman von Sven Regener die treffende Formulierung "Dabei aber nicht drinn" gelesen. So geht es mir seit einiger Zeit in meinem LK. Mich unterscheidet von den anderen Lehrerinnen total viel. Bin keine Grundschullehrerin (ein ziemlich eigener "Stamm") sondern Sonderpädagogin (nannte sich früher Sonderschullehrerin), bin keine Mutter (sind sie alle), lebe in einer lesbischen Beziehung, bin TI (ist nun mal so..) und bin eher von der ruhigen Sorte (ein früherer Kollege meinte einmal "Du hast gute Ideen und Gedanken, kannst dich aber nicht verkaufen."). Als Sonderpädagogin ticke ich anders. Die Inklusion ist alles andere als ausgereift. Das führt schon mal dazu, dass ich mich manchmal frage, was ich überhaupt "in dem Laden" mache. Vieles kommt zusammen...Manchmal habe ich den Eindruck, dass die viele Öffentlichkeit über das Thema TI schon fast etwas kontraproduktiv ist. Die Leute glauben jetzt zu wissen, wie wir ticken und "was das ist" und das das ja alles eigentlich gar nicht sooo schlimm ist. Neulich meinte eine Kollegin allen ernstes, die Op sei doch sozusagen nu "kosmetisch" - seelische Dimensionen..ach was. Nein, ich wage direkt zu bezweifeln, dass das ein Einzelfall ist. Man nimmt uns mit einem halben Ohr wahr. Meine Mutter (82 Jahre) erklärt mir auch, wie es in Australien zugeht, sie hat schließlich Kabelfernsehen. Da kommt kein Australier hinter her.
Meine eigene TI-Entwicklung hat vielleicht einmal ein Ende. Meine Außenwirkung aufgrund beispielsweise meiner Stimme nie. Die von mir schon oft erwähnte Diskrepanz zwischen Passing und Stimme werde ich nie überwinden können, auch wenn ersteres noch so gut ist, wie mir oft versichert wird. An manchen Tagen, wie zurzeit, macht mich das müde und erschöpft. Da gehen mir sogar die Kommentare von Kindern gnadenlos auf die Socken. Dieses ewige spontane reagieren. Nein, ich habe keinen Bock und sehe es auch nicht ein, einem 6-, 8-, oder 9-Jährigen zu erklären, dass es Menschen gibt, die..usw. In der Regel ist ja alles gut und wenn die Nummer durch ist sowieso.
Vielleicht sollte ich mir eine Jobalternative überlegen. Ich habe in den letzten beiden Tagen 27 Stauden gepflanzt, ich liebe Gartenarbeit und Gartengestaltung.körperliche Arbeit..absolut mein Ding, auch noch mit 52,5 Jahren. Hier im Oberbergischen sagen wir immer: "Wir sind tiefverwurzelt und steinreich." [laughing/breitgrins.gif] Schöne Idee, allerdings nicht finanzierbar..Sch..Verpflichtungen.
"Dabei und nicht drinn" da kommt es dann zu dem Gefühl nicht gewertschätzt zu werden und ein stückweit auch zur Resignation.

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